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R. Obert: Suchtfaktor 10

In der vorliegenden Fallstudie widmet sich der Autor der Computerspielsucht und versucht, die psychologischen Prozesse, welche beim Spielen auftreten, sukzessiv zu erklären. Die Fallstudie nutzt als zentrales Studienobjekt das "Fledermaus-Spiel". Dabei wird das Spielgehäuse, die "Konsole" (denn tatsächlich handelt es sich beim Studienobjekt nicht um ein Computerspiel im klassischen Sinne, kann aber stellvertretend dafür stehen) und das Spiel mit seinen detailliert ablaufenden Prozessen vorgestellt. Leider findet sich keine Information, ob dieses "Fledermausspiel" für die Fallstudie extra gefertigt wurde, oder ob es ein damals kommerziell erwerbbares Objekt war. Sollte der letzte Fall zutreffen, lässt sich der Eindruck nicht leugnen, in dieser Richtung keine Energie auf Recherche verwendet zu haben (bzgl. Titel des Spieles, Hersteller, etc.).

 

 

 

Dem Autor muss man zweifellos zugutehalten, dass er die einzelnen Stadien der digitalen, analogen und psychologischen Prozesse akribisch darstellt. In der Fallstudie werden sie in einer kausalen, logischen und nachvollziehbaren Reihenfolge verbunden. Viele Abbildungen und Schemata sollen diese Prozesse veranschaulichen und eine Grundlage für die Interpretationen des Autors geben. Hauptsächlich nennt der Autor archetypische Ängste des Spielenden und ein Ringen nach Befreiung als Ursache einer scheinbaren Spiellust, welche sich autokatalytisch durch immer weitere Spielsitzungen verstärkt und zur Sucht heranwächst.

 

 

 

Obwohl man beim Lesen rasch erkennt, dass der Autor über psychologisches Fachwissen verfügt, wirkt das Buch - ja, das ganze Vorhaben, über die Entstehungsprozesse der Computerspielsucht aufzuklären - leider unprofessionell. Mehrere Gründe verdichten diese Meinung: Fachtermini werden ohne erklärendes Umfeld benutzt, Abbildungen sind unübersichtlich; der Schreibstil eine Mischung aus wissenschaftlicher Arbeit, philosophisch-essayistischer Abhandlung kindlicher Psyche, durchsetzt mit wenigen, populistisch-emotionalen Zuspitzungen. Der Lese- und Verständnisfluss wird durch englische Begriffe im Text sowie einem inflationären Gebrauch von Anführungszeichen gestört.

 

 

 

Das vorliegende Werk macht den Eindruck, sich selbst nicht recht definiert zu haben: Ist diese Fallstudie als Fach- oder als Sachbuch zu verstehen? Der Rezensent fürchtet, dass genau diese Unbestimmtheit in Stil und Aufmachung dazu führt, dass der erhofften Zielgruppe, z.B. Eltern und Erzieher, durch die Lektüre somit ein erheblicher Mehrwert verwehrt bleibt.

Oliver Guntner, 19.12.2019