Respekt, Toleranz, Güte - Ein Rückblick auf den Schreibwettbewerb

Das Buch mit den Siegergeschichten liegt vor uns. Die Veranstalter haben die letzten Flaschen Wein zurück in die Autos geladen. Preisgelder haben ihre neuen Eigentümer gefunden. Eigentlich ist die Sache doch abgeschlossen, oder? Wettbewerb ausgerichtet; Erfolg gehabt; Haken dahinter und weiter im Programm.

Nun, nicht ganz. Ich glaube, der betriebene Aufwand und das profunde Ergebnis rechtfertigen eine solche Abspeisung nicht. Besonders nicht in Hinblick auf das Titelthema. Ich bin immer für Schreibwettbewerbe zu haben, und mit dem Freien Deutschen Autorenverband Berlin e.V., hatte der Deutsche Odd Fellow-Orden auch einen auf diesem Gebiet versierten Partner gefunden. Diese Professionalität war ein Grund, warum ich meinen Platz im Jury-Team einnahm. Ebenso mein Wunsch, meinen Anteil an dem zweiten Schreibwettbewerb zu leisten, denn 2013 war bereits einer ins Leben gerufen worden unter dem Titel „Freundschaft, Liebe, Wahrheit“.

Die Anthologie „Respekt, Toleranz und Güte“ wurde in erster Linie durch die Mitglieder von 14 Odd Fellow-Logen vorfinanziert – einer der ersten und wichtigsten Schritte jedes Projektes. Die Anthologie liegt uns zwar vor, aber die versteckten Kosten und die Organisationsarbeiten im Vorfeld bleiben meist unsichtbar. So wurden allein im Rhein-Main-Gebiet ca. 60 Briefe und Plakate mit Aufforderungen zur Teilnahme an dem Wettbewerb verteilt; im Netz wurden zahlreiche Hinweise auf mehreren Webseiten geschaltet, und auf speziellen Autorenseiten wurde auf den Wettbewerb hingewiesen. Somit drangen die Aufrufe auch in unsere Nachbarländer.

Bevor die ersten Einsendungen eintreffen, sieht man als Jury-Mitglied einem Wettbewerb gelassen entgegen.  Mit den Einsendungen allerdings steht dann, trotz der vorliegenden Bewertungskriterien, auch die Frage im Raum: Was ist gute Literatur? Inwieweit finden sich mein subjektiver Geschmack, meine Vorstellungen und Erfahrungen und mein Verständnis im Rezipienten wieder? Ich glaube, nur wer selbst Literatur produziert, kann sie auch beurteilen. Da das Erschaffen aber ein wandelbarer Prozess ist, muss auch der Diskurs über die Werke flexibel sein. Die Erfahrungen, die ich später beim Austausch mit den anderen Jury-Mitgliedern machte, verdeutlichten mir meine These. Es war einerseits erschreckend, andererseits erstaunlich, inwieweit unsere Perspektiven in Detailfragen auseinander gehen konnten – und dennoch glaube ich, haben wir eine unabhängige und repräsentative Qualitätsauswahl treffen können.

Die Preisverleihung und die öffentliche Lesung stellten den Höhepunkt des Projektes dar; unterstreicht sie nicht nur die Würdigung der mitwirkenden Künstler, sondern macht das angesprochene Thema öffentlichkeitswirksam. Am 28.04.2018 lud der Deutsche Odd Fellow-Orden nach Berlin ein. Die Texte der drei ersten Preisträger wurden dem Publikum in einer lockeren Runde präsentiert – und auf dieses Geschehen möchte ich nachfolgend vertieft eingehen.

 

David Sumerer (rechts) herhält das Preisgeld. Foto: Jens Warmers
David Sumerer (rechts) herhält das Preisgeld. Foto: Jens Warmers

Sascha Hohner und Inge Beer moderierten die Veranstaltung im Ordenshaus der Concordia-Loge in Berlin. Den Gästen wurde ein kurzer Ablauf über den Verlauf des Wettbewerbs gegeben, und sie lernten den ersten sowie den zweiten Preisträger persönlich kennen.  Die Geschichte der dritten Preisträgerin, der aus Österreich stammenden Annabella Gmeiner, wurde von Inge Beer vorgelesen.  In ihrer Erzählung „Liftgefühl“ werden unterschiedliche Charaktere durch äußere Einflüsse gezwungen, auf engsten Raum auszuharren. Durch fehlende Privatsphäre muss man lernen, mit den Blicken der anderen umzugehen, auch wenn diese – häufig   unabsichtlich – unter die Oberfläche und tief ins Herz gehen können.

Der zweite Preisträger, David Sumerauer, bereits seit früher Kindheit ein „Globetrotter“, schildert uns mit seinem Text „Warten in Casablanca“ ungemein komplexe, emotionale Momentaufnahmen eines Reisenden bei Gesprächen mit einem Einheimischen. Die Details sind stilistisch so hervorragend ausgearbeitet, dass sie das Auditorium imaginär an den Schauplatz der Handlung versetzen können. Einmal im Bahn der Geschichte gefangen, entwickelt der Autor dann die eigentliche Handlung, welche zwar stereotypisch verläuft, jedoch im krassen Gegensatz zur vorher aufgebauten Umgebung steht.

Bastian Klee ist der erste Preisträger mit seiner Geschichte „Die Tretmühle“. Der Autor hat hier in ebenso schlichter wie charmanter Art ein Phänomen beschrieben, welches sich ohne Abstriche in allen Formen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens manifestiert hat. Ohne erhobenen Zeigefinger wird hier aufgezeigt, welche Folgeerscheinungen die Handlungen Einzelner nach sich ziehen, so dass letztendlich für mehrere Menschen, die mit dem Auslösefaktor der Geschichte nichts zu tun haben, der Tag mit unguten Gefühlen endet. Eine wahrlich sehr beeindruckende Geschichte.

Sascha Hohner (links) gratuliert Bastian Klee (rechts), dem Sieger des Schreibwettbewerbs. Foto: Jens Warmers
Sascha Hohner (links) gratuliert Bastian Klee (rechts), dem Sieger des Schreibwettbewerbs. Foto: Jens Warmers
Die Jurymitglieder (von links nach rechts): Inge Beer, Oliver Guntner, Heike Puls, Jordan T. A. Wegberg. Foto: Jens Warmers
Die Jurymitglieder (von links nach rechts): Inge Beer, Oliver Guntner, Heike Puls, Jordan T. A. Wegberg. Foto: Jens Warmers

 

Für musikalische Untermalung der Veranstaltung sorgten die Band Acuario Cosmico, vertreten durch Gonzalo Marinucci, Alex Richter und Kla Ri. Satt und flott klang die Musik durchs Logenhaus. Für die drei war diese Veranstaltung ebenso ein Erlebnis; zumal sie sich nach dem offiziellen Teil auch mit den Zuhörern unterhalten konnten. Die gesamte Tontechnik; Ausrüstung und die musikalische Vororganisation lag beim Radiomacher Ralph Kartelmeyer. Die vier Jurymitglieder, die ausschließlich ehrenamtlich tätig waren, bekamen jeder als Dankeschön von den Odd Fellows eine Kiste mit edlen Weinen, und letztendlich konnten alle Teilnehmer der Preisverleihung zum Schluss den Tag an einem leckeren Büfett ausklingen lassen.

 

Nach dieser nunmehr bereits zweiten gelungenen Anthologie der Odd Fellows bleibt zu hoffen, dass vielleicht in den nächsten Jahren nochmal ein dritter Wettbewerb ausgeschrieben wird. Zeigt es doch allen auf, dass die Wertevorstellungen des Ordens durchaus nicht verstaubt sind, sondern dass sich junge Menschen auch in der heutigen Zeit sehr damit auseinandersetzen.     

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