Von Lettern, die die Welt bedeuten - Autorenkongress in Birkenwerder 2017

Ein Bericht von Oliver Guntner

31.03.2017

Zum 2. Mal richtete der Freie Deutsche Autorenverband FDA, Landesverband Berlin einen Autorenkongress in Birkenwerder aus. Wie im vorherigen Kongress orientierten sich die angebotenen Themen dabei an alle, die dem Handwerk der Schreiberei in jeglicher Art verbunden sind. Mitmachen konnten auch Nicht-Mitglieder und die Teilnehmerzahl von 23 bezeugt mit Stolz das wachsende Interesse an der hervorragend konzipierten Tagung.

 

Nach der individuellen Anreise eröffnete Inge Beer, Vorsitzende des FDA LV Berlin, kurz, aber herzlich, die Veranstaltung. Einige Gesichter erkannten sich noch von der letzten Tagung, aber ab und zu sah ich das eine oder andere Augenpaar, dessen Blick nach etwas suchte, an dem sich sicher festgehalten werden konnte. Fremd blieb man jedoch nicht lange; und obwohl die Berliner stark vertreten waren, bewegte der Drang, alte Bekanntschaften wiederzusehen oder neue Gleichgesinnte zu finden, die Angereisten nicht nur über die Landes- und Bundesgrenzen hinaus – er ließ sie auch die Tische nach dem Abendessen wechseln, welches sich die Gäste mit dem längsten Reiseweg redlich verdient hatten. Vielleicht lag es aber auch an der Natur der Dinge; jedes Geschöpf fragt irgendwann nach dem Schöpfer und jeder Erschaffer braucht eine Kreation, ansonsten ist der Titel hinfällig. Alle erhielten einen Zettel mit entweder einem Autor oder einem Werk – und so fand man sich in Paaren, um sich einander zu interviewen und später der Gruppe vorzustellen. Shakespeare machte „Viel Lärm um nichts“; ich machten Bekanntschaft mit Schillers „Handschuh“ (ohne ihn ins Gesicht oder vor die Füße zu bekommen) und manch einer fragte noch immer grübelnd, wer nun „Das kalte Herz“ erschaffen hatte. Zu Hauf(f) bestand aber Einigkeit. Das Spiel war jedenfalls eine nette Möglichkeit, die Gemeinschaft zu erkunden und die Scheu zu verlieren.

Eines der besonderen Bücher wird vorgestellt. Foto: J. T. A. Wegberg
Eines der besonderen Bücher wird vorgestellt. Foto: J. T. A. Wegberg

 

Da wir nun etwas über uns berichtet hatten und Schreibende, wie ja allgemein bekannt ist, bescheiden sind, sollten jetzt Bücher vorgestellt werden. Je 5 Minuten waren erlaubt, um ein nicht selbstverfasstes Werk dem Auditorium zu präsentieren. Hier eine kurze Liste der Empfehlungen unserer Redner:

 

  • „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ von Axel Hacke
  • „Die Armenierin“ von Thomas Hartwig
  • „Das Leben und das Schreiben“ von Stephen King
  • „Jenseits von Eden“ von John Steinbeck
  • „Nur du kannst die Menschheit retten“ von Terry Prachett
  • „Die zehn wichtigsten Fragen des Lebens – in aller Kürze beantwortet“ von Gregor Eisenhauer

 

Nach den Vorstellungen gesellten wir uns in fröhlicher Runde in offenen Gesprächen und Diskussionen und harrten der Dinge, die unserer morgen kommen würden.


01.04.2017

Katja Mischke erklärt die Struktur eines Drehbuchs. Foto: J. T. A. Wegberg
Katja Mischke erklärt die Struktur eines Drehbuchs. Foto: J. T. A. Wegberg

Genogramm und Drehbuch waren die beiden Schlagwörter, unter denen der heutige Vormittag stehen sollte. Katja Mischke stand uns bei unseren ersten Schritten in die Welt des Drehbuchs kompetent und überzeugend zur Seite. An Beispielen vorgeführt, entpuppte sich das Drehbuch als nüchterne Schilderung der physischen Handlung und der Dialoge. Da in der Filmaufführung ca. 90% der Eindrücke des Rezipienten auf visueller Basis vermittelt werden, ist im Drehbuch kein Platz für tiefere Reflektionen, für Emotionen oder gar detailliere Regieanweisungen.  Anders im Roman, wo die kittende Substanz der Ausbau aller Beziehungen und Gefühle zwischen den Charakteren ist und beim Lesen das individuelle Kopfkino abgespielt wird, sind es im Film Regisseur und Produzent, welche Entscheidungsgewalt über die Kameraperspektive, Hintergründe, Filmmusik etc. haben. Selbst die Schauspieler sind es, welche ihre Interpretation der derzeitigen Emotionen in einer Szene beimengen. Ein Roman ist das Fantasiegebilde des Schreibenden, der Film die Komposition vieler unter der Anleitung weniger. Nicht nur die erhöhte Visualisierung, sondern auch dieser beschneidende Prozess spiegelt sich in der Aussage wieder, das Kino stecke den Kopf in eine Uniform.

Für uns war es dennoch ein interessanter und auch herausfordernder Exkurs in eine Welt, in welcher der Autor nur die Blaupausen entwirft, ein Skelett, eine Rohkonstruktion, ohne Farbe und bar jeder überflüssigen Emotion. Der krasse Schnitt ist wohl milder zu verkraften für alle, die Dramatik schreiben. Dennoch hörte man begeistertes Flüstern aus unseren Reihen; die Absicht, sich auch mal an ein Drehbuch zu wagen – und damit war der Workshop in meinen Augen erfolgreich.

Ein typisches Genogramm. Foto: O. Guntner
Ein typisches Genogramm. Foto: O. Guntner

Erwartungsvoll stellten wir uns im nächsten Workshop dem Genogramm. Wie uns Helga Rattay erklärte, versteht die Familienforschung darunter eine piktografische Verdeutlichung von Familienverhältnissen. Wie genau kennt man das eigene familiäre Umfeld? Die gleiche Frage kann man sich auch für die Figuren des eigenen Romans stellen. Im Genogramm können verdrängte oder bis dahin verborgen gebliebene Aspekte aufgedeckt werden: Hat eine Fehlgeburt oder eine Scheidung die Kinder oder Geschwister einer Person beeinträchtigt? Hat das Drogen- oder Alkoholproblem des Großvaters etwas mit der misslichen Lage seines Enkels zu tun? Wie nahe stehen sich Schwager und Cousine? Fragen, die nicht nur in der Literatur für Konflikte oder Handlungsstränge sorgen können.

Mit Hilfe des Genogrammes kann man das soziale Umfeld einer Person systematisch herausarbeiten und ihr so eine soziologische Tiefe geben. Natürlich sind Abhängigkeiten niemals monokausal, aber für die fiktionale Beweisführung reicht ein logischer Zusammenhang aus – und eine stimmige, in sich geschlossene Verhaltensweise ist Grundpfeiler einer plastischen Figur.

Im zweiten Teil des Workshops widmeten wir uns dem Familienbrett. Dort bekommt jede agierende Person eine Holzfigur zugeordnet, an deren Habitus bereits auf die Persönlichkeit zurück geschlossen werden kann. Auf einer begrenzten Fläche werden diese zueinander positioniert. Auch hier bieten Blickrichtung und Distanz Einblicke in die Beziehungen zwischen verschiedenen Personen.

Wir sind Stellvertreter der Figuren auf dem Familienbrett. Foto: J. T. A. Wegberg
Wir sind Stellvertreter der Figuren auf dem Familienbrett. Foto: J. T. A. Wegberg

Bei unserer Veranstaltung haben wir das Familienbrett in Stellvertreterfunktion durchgespielt. In unserer rasch erfundenen Geschichte über Monika, 42, die im klinischen Bereich arbeitet und dort schon fünf Patienten in einen ewigen, medikamentgesüßten Schlaf gepflegt hat - über Monika hatten wir unsere Zweifel. Wie verkraftet sie im Moment die Anhänglichkeit ihres Stiefsohns? Verfolgt sie noch der Geist ihres Großvaters, welcher ebenso eine lange Leidensgeschichte in klinischer Obhut ertragen musste? Was ist mit der Liebesbeziehung zwischen Monikas Ex-Freund und ihrer Schwester? All diese Impulse prasselten auf Monika ein – und wir wussten nicht, was sie jetzt tun oder wie sich ihr Umfeld verhalten würde.

Als Stellvertreter für die einzelnen Rollen stellten wir uns auf einer abgegrenzten Fläche auf. Jeder hatte die Möglichkeit, einem der verschiedenen Impulse (z.B. Nähe suchen, flüchten, sich von jemanden abwenden) auf Kommando zu folgen und sich im Raum neu zu positionieren. Diese Impulse waren es, die unsere Figuren auf der Spielfläche bewegt haben – das Hirn sollte ausgeschaltet sein. Am Ende kam die Flucht Monikas, fernab ihrer sozialen Bindungen, als Möglichkeit in Betracht. Das Potential eines Neuanfangs brächte einen Wendepunkt in der Geschichte und damit die Möglichkeit, an einem neuen Weg, auf dem Papier nicht vorgesehen, weiterzuschreiben. Die Vertreterposition ist allerdings nur geeignet, wenn eine Fachkraft Aufsicht hat und darf nicht verabsolutiert werden, da viel Raum für Fehlinterpretation gegeben ist und das Prozedere nur zur Ideenfindung generiert werden sollte.

Die Kongressteilnehmer verfolgen den Vortrag. Foto: J. T. A. Wegberg
Die Kongressteilnehmer verfolgen den Vortrag. Foto: J. T. A. Wegberg

Frohen Mutes über das Gelernte und den Einblick in den Werkzeugkasten der therapeutischen Psychologie, wappneten wir uns nach dem Mittag und einer kurzen Verschnaufpause, um erneut einen Schritt in eine unbekannte Richtung zu wagen: Abini Zöllner, ehemalige Redakteurin beim Berliner Tagesspiegel, erklärte uns ausführlich die Unterschiede zwischen journalistischem, biografischem und literarischem Schreiben. Der Vortrag zeigte solide die Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf, war informativ und einprägsam. Größeres Interesse weckten bei mir allerdings die kleineren Diskussionen zwischen den Unterthemen:

Immer während aktuell ist die Legitimation der Medien als vierte Gewalt im Staat. Gerade durch die Vernetzung hat der Beruf des Journalisten eine neue Eigen- und Fremdverantwortung für die geleistete Arbeit übernommen. Durch die jüngste Vergangenheit geistern die Wörter „Lügenpresse“ („Lückenpresse?“) und „Fake News“ - und gleichzeitig wird mir vorgetragen, dass Journalisten an Fakten gebunden und neutral schreiben sollen. Was ist Objektivität, wenn der Journalist selbst engstirnig bleibt? Wie wertvoll sind Recherche und freie Meinung, wenn dem Medienhäusern das Geld zusammengestrichen wird? Texte werden vor dem Andrucken nicht mehr Korrektur gelesen; Themen z.T. aufgrund ihrer zu erwartenden Resonanz beim Endkonsument publiziert.

Zur Bundestagung des Freien Deutschen Autorenverbandes 2016 in Thüringen stand eine Podiumsdiskussion auf der Agenda, in welcher auch über die Freiheit des Wortes gesprochen wurde – leider zu kurz für meinen Geschmack. Dieses Thema sollten wir als Autoren immer griffbereit haben, denn ein Merkmal unserer Gesellschaft heute ist, dass sie sich rasant verändern kann. Es vergeht kein Tag, an dem sich nicht Tippfehler in journalistischen Beiträgen finden, seien sie in der Regenbogenpresse oder in den Qualitätsmedien. Wenn dafür keine Zeit bleibt – wie schlimm steht es dann mit unseren Medien?

Unvoreingenommen und ohne Emotion soll der Journalist schreiben. Mit dem nächsten Programmpunkt änderte sich der Kurs. Inge Beer gab einen kurzen Abriss zum Poetry-Slam, dem modernen Dichterwettstreit. Neben der Historie zeichnete sie auch den Ablauf und die Regeln auf. Damit jedoch nicht genug – für viele Anwesende war ein Poetry-Slam immer noch nichts Greifbares. Wie gut, dass es in Birkenwerder genau drei Slammer gab – und alle drei wollten an einem kleinen Poetry-Slam teilnehmen, extra für unsere Schar wissbegieriger Schreiberlinge. Neben mir waren das noch Oliver und Oli – ja, den Vornamen gibt es nördlich der Hauptstadt wohl öfter. Es wurde eine Jury gebildet, welche Punkte vergeben durfte und dann ging es los:

Oliver referierte am Anfang über Zahnärzte, welche sich aus dem Goldschürfergeschäft zurückgezogen hatten und dennoch das Bohren und Sprengen von Zahnstein nicht lassen konnten. Obwohl er ihnen perfide Geschäftspraktiken und Vetternwirtschaft mit der Zahnfee und den internationalen Banken nachsagte, war es eher erheiternd, seiner emotionalen Steigerung zuzuschauen. Ich hingegen klärte ruhig und besonnen über die evolutorischen Vorteile von Faultieren gegenüber Menschen auf, beklagte, dass mein schwarzer Daumen nicht bei meiner Bohnenranke im Garten funktionierte und versprach, morgen meine Unterhose auf links zu tragen. Ganz anders Oli, welcher dem Publikum alles abverlangte: Klatschen, staunen, Schreie des Entsetzens: Während andere Leute sich beim Slam berieseln lassen, zog er die Zuhörerschaft mit in seine Kindheitserinnerung: Der tollkühne Sprung aus zehn Meter Höhe ins Schwimmbecken … und die daraus resultierenden nackt-nüchternen Tatsachen. Obwohl das Publikum beim letzten Text Feuer und Flamme war, konnte sich Olivers Zahnarzt-Komplott am Ende durchsetzen. Die Neulinge, der Slammer und sein Publikum, hatten gewonnen – und natürlich die Kunst, nicht zu vergessen. Herzlichen Glückwunsch!

Ein Opfer des Faceshifters. Foto: K. Mischke
Ein Opfer des Faceshifters. Foto: K. Mischke

Echauffiert hatten sich die drei Slammer genug – jetzt ging es zum Abendessen. Danach folgte eine Führung durch das Hotel; allerdings in ungewohnter Manier: Wir betrachteten die Umsetzung einer Kurzgeschichte von Patricia Stunk: Auf der Suche nach seiner Schwester stieg unser Protagonist im Hotel ab. Zusammen mit seiner Tischbekanntschaft untersuchte er das Verschwinden von Gästen. Letztlich fanden nicht nur die Akteure, sondern auch wir, eine Leiche und der Übeltäter, ein Faceshifter, ein Gestaltwandler, jagte uns mehrfach einen Schrecken ein. Hut ab vor der schauspielerischen Leistung und dem Einsatz. Nach dem Blutverlust galt es, den Abend in feuchtfröhlicher Gesellschaft ausklingen zu lassen.


02.04.2017

Exposition, Höhepunkt, Schluss – so wird die Dreiakt-Struktur beschrieben. Etwas tiefer gehend gestaltete sich am nächsten Morgen der Vortrag über Dramaturgie von Olaf Wielk. Strukturen im Roman sind keine Dogmen, aber sie haben sich in vielen Fällen bewährt. In einer Übung zeigte er uns einerseits die klassische Heldenreise, andererseits die dramaturgische Struktur und die Reaktion der Leser. So wichtig die Struktur ist, so elementar sind die vermittelten Gefühle. Wahre Worte - und was wäre die Struktur, wenn nachfolgend, zum Abschluss des Kongresses, der Vorstand des FDA LV Berlin die Gäste nicht verabschieden würde?

Der inoffizielle Teil ist manchmal der wichtigste. Foto: J. T. A. Wegberg
Der inoffizielle Teil ist manchmal der wichtigste. Foto: J. T. A. Wegberg

Gefühle sind der rote Faden, der sich rückblickend durch den Autorenkongress zog. Die Wichtigkeit ihrer Präsenz bzw. ihrer Abwesenheit wurde uns immer wieder in den verschiedenen Disziplinen des geschriebenen und gesprochenen Wortes vorgeführt. Es sind aber nicht nur die fiktiven Gemütsveränderungen unserer Figuren, die ich hier anklingen lassen möchte – es sind auch die aus der realen Welt. Der Kongress stand unter einer freundlichen und geselligen Atmosphäre; man fühlte sich heimisch, lachte und scherzte und konnte die Zeit genießen. Ich empfehle allen mit dem Wort verbundenen Leuten, egal ob Mitglied oder nicht, sich die nächste Veranstaltung nicht entgehen zu lassen. Sie wird wenigstens genauso gut, wenn nicht sogar besser – und damit großartig.

 

Das habe ich im Gefühl. ;-)

Matthias Albrecht, Mitglied im Landesverband Sachsen, hat ebenso einen Bericht verfasst. Dieser ist auf der Seite des Landesverbandes Sachsen einzusehen, hier.

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