„Hermann und Dorothea“ in Leipzig

Gerade Autoren wissen nur zu gut, dass das Lesen immer ein aktiver Prozess ist. Einmal geschriebene Texte beginnen ein Eigenleben - man gibt sie aus der Hand und ist sich bewusst, dass sie nie wieder genau so gelesen werden wie man selbst sie verstanden hat.

 

Umso reizvoller, in einer szenischen Lesung sich einem hochaktuellen Werk eines unserer grössten Dichter zu nähern, wie wir es am 28. Mai 2016 im Schillerhaus in Leipzig taten: „Hermann und Dorothea“, ein Vers-Epos in Hexametern, war Goethes Beitrag zur Diskussion der Flüchtlingskrise der 1790er Jahre gewesen, als tausende Bewohner der linksrheinischen Gebiete vor den französischen Revolutionstruppen mit Frauen, Kindern, Alten, Kranken und hastig zusammengerafften Habeseligkeiten fliehen mussten.

 

 

Szenische Lesung mit ausverkauftem Haus

Es war ein wunderschöner Nachmittag. Das ernste Thema hatte unter Goethes Hand die schöne Gestalt des Kunstwerks angenommen – res severa verum gaudium! – und selbst das Wetter hätte besser kaum sein können. Die Gartenszene verlegten wir demzufolge nach draußen, die etwa zwanzig Besucher zogen gern mit um vom Inneren der Bauernstube ins Freie. 

 

Goethe selbst hatte einen viel unmittelbareren Bezug zur damaligen Krise gewonnen als die meisten von uns zur heutigen Flüchtlingskrise – musste er doch an dem fehlgeschlagenen Versuch, die sich abzeichnenden Fluchtursachen militärisch zu bekämpfen, persönlich teilnehmen. Diese „Kampagne in Frankreich“ verbinden wir heute vor allem mit seiner Rede nach der Kanonade von Valmy. Schon in dieser Rede an die dort versammelten deutschen Soldaten hatte er den Bogen weit über den engen zeitlichen und örtlichen Rahmen hinaus gespannt und das Zitat „Ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“, ist zum geflügelten Wort geworden.

 

Können wir heute sagen, wir seien dabei gewesen? Elisabeth Savci, die im Schillerhaus die Dorothea las, war im Rahmen einer Hilfsaktion im Irak, seit Monaten hat sie ihren eigentlichen Beruf für die Arbeit in den Flüchtlingsheimen Hessens hintangestellt. Die Christen, die sie im Auftrag des Zentralrats der Orientalischen Kirchen Deutschlands betreut, haben die Flucht mit all ihren Schrecken erlebt. Die von Goethe geschilderten  Konflikte, die in der ehemals idyllischen deutschen Kleinstadt angesichts des Flüchtlingsstroms aufbrechen, gleichen den unsrigen frappierend und so schloss sich an die Lesung auch die lebhafte Debatte an, die wir im ganzen Land so dringend brauchen. Frau Savci musste viele Fragen beantworten, was sie bereitwillig tat. Viele Zuhörer stellten aber auch den Bezug zu den innerdeutschen Flüchtlingsströmen der 1940er Jahre her, die sie selbst als Kinder noch erlebt oder durch Erzählungen in der Familie kennengelernt hatten.

 


So unbekannt wie es heute ist, so ungemein populär war „Hermann und Dorothea“ einmal gewesen. Tatsächlich war es das einzige Werk, mit dem Goethe bezüglich der zeitgenössischen Leserzahlen an seinen Jugenderfolg des „Werther“ anknüpfen konnte, wie Frau Professor Bohnenkamp, die Direktorin des Goethehauses in Frankfurt, betont. Im nächsten Jahr wird unsere szenische Lesung dort, an historischer Stätte in Frankfurt erneut zur Aufführung kommen – eine Aufgabe, der wir jetzt schon froh gespannt entgegensehen!

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